Urotherapie erklärt: Im Gespräch mit unserer Urotherapeutin
Sylvia Böhler
2. November 2026
7 min
Beckenboden- und Blasenbeschwerden können Frauen und Männer in unterschiedlichen Lebensphasen betreffen. In unserer Frauenklinik begleitet Urotherapeutin Sylvia Böhler vor allem Frauen – etwa nach Schwangerschaft und Geburt oder bei Beschwerden im Alter. Im Gespräch erklärt sie, wann Unterstützung sinnvoll ist und warum niemand Beschwerden einfach hinnehmen muss.
Frau Böhler, erzählen Sie uns: Was genau macht eine Urotherapeutin – und was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?
Eine Urotherapeutin ist Expertin für Beschwerden und Funktionsstörungen rund um Blase, Darm und Beckenboden. Im Zentrum steht die konservative Therapie. Dazu gehören neben verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten auch die individuelle Beratung und Schulung sowie verhaltenstherapeutische Ansätze. Urotherapeutinnen und -therapeuten sind beispielsweise in urologischen Praxen und Kliniken, in der Frauen- und Kinderheilkunde, in Rehakliniken oder Paraplegie-Zentren tätig.
Da ich in der Frauenklinik arbeite, begleite ich vor allem Frauen – beispielsweise bei ungewolltem Urinverlust, häufigem oder starkem Harndrang sowie bei Schwierigkeiten mit der Beckenbodenfunktion. Besonders spannend finde ich, wie unterschiedlich die Bedürfnisse je nach Lebensphase sein können. Schwangerschaft und Geburt stellen besondere Anforderungen an den Beckenboden. Aber auch in den Wechseljahren oder mit zunehmendem Alter können Beschwerden auftreten.
Mir gefällt an meiner Arbeit, dass wir sehr konkret daran arbeiten können, die Lebensqualität zu verbessern. Oft geht es nicht nur darum, ein einzelnes Symptom zu behandeln, sondern auch darum, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen.
2. Warum sprechen viele Menschen so ungern über Blasen- und Beckenbodenbeschwerden?
Weil es sehr intime Themen sind. Ausscheidung wird als etwas Privates wahrgenommen, und gerade ungewollter Urinverlust oder ein Kontrollverlust über Blase oder Darm sind häufig mit Scham verbunden. Viele Betroffene fürchten, dass andere mit Unverständnis oder Ablehnung reagieren könnten. Manche machen sich auch Gedanken darüber, wie sich die Beschwerden auf ihre Attraktivität oder ihr Selbstbild auswirken.
Hinzu kommt, dass viele das Gefühl haben, mit ihrem Problem allein zu sein. Bei Frauen begegnet uns beispielsweise der Gedanke: «Nach einer Geburt ist das eben so» oder «Im Alter gehört das dazu». Solche Vorstellungen können dazu führen, dass Beschwerden lange nicht angesprochen werden. Aus Angst vor unangenehmen oder peinlichen Situationen ziehen sich manche Betroffene sogar aus ihrem sozialen Leben zurück.
Dabei sind Blasen-, Darm- und Beckenbodenbeschwerden für uns medizinischer Alltag. Niemand muss sich dafür schämen und vor allem muss man sich nicht einfach damit abfinden. Viele Beschwerden lassen sich mit der richtigen Behandlung deutlich lindern oder sogar beheben.
Wichtig ist ausserdem: Blasen- und Beckenbodenbeschwerden sind kein reines Frauenthema. Auch Männer können betroffen sein, beispielsweise nach bestimmten Operationen, Erkrankungen oder mit zunehmendem Alter.
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3. Welche Beschwerden begegnen Ihnen besonders häufig?
In der Frauenklinik begegne ich besonders häufig Frauen mit Harninkontinenz, starkem oder häufigem Harndrang sowie Senkungsbeschwerden. Auch Beschwerden nach der Geburt sind ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Dabei können die Beschwerden sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und Frauen in verschiedenen Lebensphasen betreffen.
4. Gibt es einen Moment aus Ihrer Arbeit, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Patientin, die als Lehrerin arbeitete und täglich 14- bis 16-mal zur Toilette gehen musste. Oft konnte sie dabei nur kleine Mengen Urin lösen. Zunächst deutete vieles auf eine Drangproblematik hin. Bei der Untersuchung zeigte sich jedoch, dass eine Blasensenkung die Ursache war: Die Blase konnte sich nicht vollständig entleeren und füllte sich entsprechend schnell wieder.
Da die Patientin aufgrund früherer Erfahrungen eine erneute Operation möglichst vermeiden wollte, passten wir ihr ein sogenanntes Pessar an, das die Blase stützt. Bereits beim nächsten Termin berichtete sie, dass sie nur noch acht- bis zehnmal täglich zur Toilette gehen musste. Sie war sehr erleichtert über diese Verbesserung und darüber, vorerst auf eine weitere Operation verzichten zu können.
Solche Momente zeigen mir, wie sehr die richtige Behandlung den Alltag und die Lebensqualität verbessern kann.
5. Wann sollte man sich professionelle Unterstützung holen?
Professionelle Unterstützung sollte man sich spätestens dann suchen, wenn die Beschwerden die Lebensqualität einschränken oder die Blase beginnt, den Alltag zu bestimmen. Das gilt in jeder Lebensphase. Nach einer Schwangerschaft und Geburt braucht der Körper natürlich Zeit zur Erholung. Trotzdem sollten Beschwerden wie anhaltender Urinverlust oder starker Harndrang nicht einfach hingenommen werden. Dasselbe gilt für Beschwerden, die erst später im Leben auftreten.
Niemand muss warten, bis der Leidensdruck sehr gross ist. Ein langes Abwarten kann die Situation unnötig verschlimmern. Je früher Beschwerden angesprochen werden, desto früher können wir gemeinsam herausfinden, welche Unterstützung sinnvoll ist.
Ein gesunder Beckenboden braucht nicht nur Kraft, sondern auch Wahrnehmung, Koordination und die Fähigkeit, wieder zu entspannen.
Tipps für einen starken Beckenboden
Auf die Haltung achten: Aufrecht stehen und das Gewicht gleichmässig auf beide Beine verteilen. Beim Sitzen bewusst auf beiden Sitzbeinhöckern sitzen und ein gerader Rücken.
Richtig heben und tragen: In die Knie gehen, die Last nah am Körper halten und beim Aufrichten ausatmen und den Beckenboden aktivieren.
Druck reduzieren: Beim Husten oder Niesen den Oberkörper leicht zur Seite drehen und in die Armbeuge husten oder niesen.
In Bewegung bleiben: Beckenbodenfreundliche Aktivitäten wie Schwimmen, Radfahren, Walking, Wassergymnastik, Pilates oder Yoga in den Alltag integrieren.
Toilettengewohnheiten beobachten: Darauf achten, wie häufig man zur Toilette geht und welche Mengen ausgeschieden werden. Häufige vorsorgliche Toilettengänge sollten möglichst vermieden werden.
6. Wie läuft eine urotherapeutische Behandlung bei Ihnen ab?
Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch in einem geschützten Rahmen. Mich interessiert, welche Beschwerden bestehen, wann sie auftreten und wie sie den Alltag beeinflussen. Auch Vorerkrankungen, Schwangerschaften, Geburten, Operationen sowie Trink- und Toilettengewohnheiten können dabei wichtig sein.
Anschliessend folgt häufig eine Protokollphase: Die Patientin dokumentiert über mehrere Tage, wie viel sie trinkt, wie häufig sie zur Toilette geht und ob es zu Urinverlust kommt. So erhalten wir wichtige Hinweise darauf, wo wir mit der Behandlung ansetzen können.
Ein weiterer wichtiger Teil ist, die eigene Anatomie sowie die Funktion von Blase und Beckenboden besser zu verstehen. Je nach Situation gehören beispielsweise Trink- und Toilettentraining, die Beratung zu geeigneten Hilfsmitteln oder weitere Schulungen zur Therapie. Bei Bedarf ziehen wir auch eine Ärztin oder einen Arzt und eine spezialisierte Physiotherapie hinzu.
In den weiteren Verlaufskontrollen schauen wir, was sich verbessert hat und wie sich die Massnahmen gut in den Alltag integrieren lassen. Mir ist wichtig, dass jede Patientin und jeder Patient versteht, was im eigenen Körper passiert und warum wir bestimmte Schritte empfehlen.
7. Was kann man selbst im Alltag für den Beckenboden tun?
Ein wichtiger erster Schritt ist, den eigenen Beckenboden bewusst wahrzunehmen. Dabei geht es nicht darum, möglichst oft und kräftig anzuspannen. Ein gesunder Beckenboden muss sowohl anspannen als auch wieder entspannen können.
Auch im Alltag lässt sich einiges tun: Eine aufrechte Haltung, bewusstes Heben und Tragen sowie die richtige Atmung können den Beckenboden entlasten. Beim Husten oder Niesen hilft es beispielsweise, den Oberkörper leicht zur Seite zu drehen. Auch regelmässige Bewegung und beckenbodenfreundliche Sportarten wie Schwimmen, Radfahren, Walking, Pilates oder Yoga sind empfehlenswert.
Ebenso lohnt es sich, die eigenen Gewohnheiten zu beobachten: Wie häufig gehe ich zur Toilette? Gehe ich oft vorsorglich? Trinke ich weniger aus Angst vor Harndrang? Solche Verhaltensweisen können einen Einfluss auf die Blasenfunktion haben.
Gerade nach Schwangerschaft und Geburt sollten Belastungen schrittweise wieder aufgebaut werden. Bei bestehenden Beschwerden empfehle ich, sich beraten zu lassen, bevor man auf eigene Faust mit einem Trainingsprogramm beginnt.
Blasen- und Beckenbodenbeschwerden sind kein reines Frauenthema. Auch Männer haben einen Beckenboden und können betroffen sein, beispielsweise nach bestimmten Operationen oder mit zunehmendem Alter.
8. Welcher Mythos über den Beckenboden begegnet Ihnen besonders häufig?
Da gibt es gleich mehrere. Ein verbreiteter Mythos ist, dass nur Frauen einen Beckenboden haben. Das stimmt natürlich nicht: Auch Männer haben einen Beckenboden und können beispielsweise nach Operationen, Erkrankungen oder mit zunehmendem Alter Beschwerden entwickeln.
Auch die Vorstellung, man könne den Beckenboden trainieren, indem man beim Wasserlassen den Harnstrahl unterbricht, hält sich hartnäckig. Dies sollte man jedoch unbedingt unterlassen.
Und schliesslich gilt nicht: Je stärker und häufiger man den Beckenboden anspannt, desto besser. Ein gesunder Beckenboden braucht nicht nur Kraft, sondern auch Wahrnehmung, Koordination und die Fähigkeit, wieder zu entspannen.
Ein weiterer wichtiger Punkt: Inkontinenz muss weder nach einer Geburt noch im Alter einfach hingenommen werden. Auch wenn Beschwerden in diesen Lebensphasen häufiger auftreten können, gibt es Möglichkeiten, sie gezielt zu behandeln oder zu lindern.
9. Wenn Sie den Leserinnen und Lesern eine Botschaft mitgeben könnten – welche wäre das?
Unser Beckenboden begleitet und trägt uns ein Leben lang und verdient genauso Aufmerksamkeit wie andere Muskeln unseres Körpers. Gerade während der Schwangerschaft und einer vaginalen Geburt ist er enormen Belastungen ausgesetzt und leistet Erstaunliches.
Deshalb ist mir wichtig: Nehmen Sie Beschwerden ernst und sprechen Sie darüber. Niemand sollte aus Scham seinen Alltag danach ausrichten oder auf Dinge verzichten, die Freude machen. Auch wenn Beschwerden nach einer Geburt oder mit zunehmendem Alter häufiger auftreten, bedeutet das nicht, dass man sie einfach hinnehmen muss. Der erste Schritt ist, darüber zu sprechen und sich beraten zu lassen.
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