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Ratgeber

Babyblues: Wenn nach der Geburt die Gefühle Achterbahn fahren

Inge Werner

Inge Werner

5. Oktober 2026

lesezeit

6 min

In den ersten Tagen nach der Geburt erleben viele Mütter ein Wechselbad der Gefühle. Freude und Glück können sich mit Erschöpfung, Unsicherheit oder Tränen abwechseln. Dieses vorübergehende Stimmungstief wird als Babyblues bezeichnet. Inge Werner, Stillberaterin auf der Maternité in der Frauenklinik des Spitals Zollikerberg, erklärt, was dahintersteckt, was in dieser Phase hilft und welche wichtige Rolle Partnerinnen und Partner dabei spielen.

Was versteht man unter Babyblues und wie häufig kommt dieser Zustand vor?

Die Geburt eines Kindes bringt grosse körperliche und emotionale Veränderungen mit sich. Nach der Geburt stellt sich der Hormonhaushalt innerhalb kurzer Zeit stark um. Diese hormonelle Veränderung kann dazu führen, dass sich Mütter plötzlich traurig, empfindlich, gereizt oder überfordert fühlen – auch wenn gleichzeitig die Freude über das Baby gross ist.

Der Babyblues ist ein normales, vorübergehendes Stimmungstief nach der Geburt und gehört für viele Mütter zu den ersten Tagen des Wochenbetts.

Gleichzeitig passiert im Körper etwas Positives: Bei stillenden Müttern nimmt in diesen Tagen in der Regel auch die Milchbildung deutlich zu. Die Brüste können dadurch voller und gespannter werden. Der Körper stellt sich also auf verschiedenen Ebenen auf die neue Situation und die Versorgung des Babys ein.

Wichtig zu wissen ist: Der Babyblues geht vorüber. Meist dauert er nur wenige Tage und sollte spätestens innerhalb von zwei Wochen abklingen.

Wie macht sich Babyblues bemerkbar?

Die Gefühle können innerhalb kurzer Zeit stark wechseln. Freude und Glück stehen plötzlich neben Traurigkeit, Unsicherheit oder Überforderung. Manche Mütter müssen ohne erkennbaren Grund weinen, sind empfindlicher oder gereizter als sonst. Dazu kommen häufig Müdigkeit und Erschöpfung – schliesslich sind die ersten Tage mit einem Neugeborenen auch körperlich sehr intensiv.

Für viele Mütter ist es bereits entlastend zu wissen, dass diese Gefühle vorkommen dürfen und sie mit dieser Erfahrung nicht allein sind.

Wie unterstützt ihr Mütter mit Babyblues auf der Wochenbettstation?

Wir nehmen die Gefühle der Mütter ernst und geben ihnen Raum. Gespräche und eine wertschätzende, unterstützende Kommunikation können dabei helfen, über Ängste, Unsicherheiten und die vielen neuen Eindrücke zu sprechen. Auch Tränen dürfen sein und sind ganz normal.

Gleichzeitig unterstützen wir die Mutter dabei, Nähe zu ihrem Baby aufzubauen – beispielsweise durch Bonding. Ebenso wichtig sind Ruhe und Erholung. Gerade in dieser Phase müssen Mütter nicht alles alleine schaffen.

Deshalb beziehen wir Partnerinnen und Partner oder andere enge Bezugspersonen bewusst mit ein. Sie können Aufgaben übernehmen, sich um das Baby kümmern und der Mutter damit wichtige Momente der Erholung ermöglichen.

Als ergänzende Pflegemethode bieten wir auf der Wochenbettstation auch Aromapflege an. Darüber hinaus arbeiten wir bei Bedarf eng mit spezialisierten Psychologinnen und Psychologen zusammen.

Welche Rolle spielen Partnerinnen und Partner beim Babyblues?

Eine sehr wichtige. Der Partner oder die Partnerin ist häufig die engste Bezugsperson der Mutter, kennt sie besonders gut und weiss oft, was ihr guttut. Gerade wenn die Gefühle Achterbahn fahren, kann diese vertraute Person Sicherheit geben, entlasten und Veränderungen früh wahrnehmen.

Dabei geht es nicht darum, den Babyblues «wegzumachen» oder für jedes Gefühl eine Lösung zu finden. Viel wichtiger ist es, präsent zu sein, zuzuhören und im Alltag ganz praktisch zu unterstützen.

Vier Dinge, die Partnerinnen und Partner tun können

  1. Aktiv zuhören: Lassen Sie die Mutter erzählen, was sie beschäftigt – ohne sofort Ratschläge oder Lösungen anzubieten. Seien Sie einfach da für Sorgen, Unsicherheiten und (Freuden)-Tränen.
  2. Positiv bestärken: Gerade wenn Selbstzweifel aufkommen, können ermutigende Worte viel bewirken. Sagen Sie ihr, was sie gut macht, schenken Sie ihr Vertrauen und zeigen Sie ihr, dass sie nicht alles perfekt machen muss.
  3. Halten und da sein: Manchmal braucht es keine Worte. Eine Umarmung, Nähe oder einfach gemeinsam einen schwierigen Moment auszuhalten, kann Sicherheit und Geborgenheit vermitteln.
  4. Besuche koordinieren: Familie sowie Freundinnen und Freunde freuen sich über das Baby – für die frischgebackene Familie kann zu viel Besuch jedoch anstrengend sein. Partnerinnen und Partner können hier eine wichtige Schutzfunktion übernehmen: Besuche koordinieren und auch einmal freundlich «Nein» sagen, damit genügend Ruhe bleibt.

Welche Tipps geben Sie Müttern und Familien für die erste Zeit zu Hause?

Geben Sie sich Zeit, in Ihrer neuen Situation anzukommen. Niemand muss vom ersten Tag an alles im Griff haben. Setzen Sie sich realistische Erwartungen und achten Sie darauf, was Ihnen und Ihrer Familie gerade guttut.

Nehmen Sie Unterstützung von Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner, Ihrer Familie sowie Freundinnen und Freunden an und schaffen Sie sich bewusst Ruhephasen. Eine ambulante Hebamme oder Pflegefachperson kann Sie auch nach dem Spitalaustritt zu Hause begleiten und unterstützen.

Wichtig ist gleichzeitig, die eigenen Gefühle im Blick zu behalten. Hält das Stimmungstief länger als zwei Wochen an, wird es stärker oder haben Sie das Gefühl, den Alltag kaum bewältigen zu können, sollten Sie professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen. Dahinter kann eine postpartale Depression oder eine andere psychische Belastung stehen, die fachlich abgeklärt werden sollte. Auch die Fachpersonen des Zentrums für psychische Gesundheit stehen Ihnen bei Bedarf zur Seite.

Portraitfoto

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